Vom «Exodus» aus der «dysfunktionalen Familie»

Letzte Woche war in der NZZ zu lesen, dass die katholische Kirche unter einem Exodus leidet, dass Tausende die Kirchen verlassen, und dass die Schweiz ihren christlichen Charakter verliert (hier eine Übersicht). Zudem verglich der diplomatische Vertreter des Vatikans in der Schweiz, Nuntius Thomas E. Gullickson, die katholische Kirche in unserem Land mit einer «dysfunktionalen Familie», in der sich kaum jemand um Verständigung bemühe und deren Mitglieder den rechten Glauben geringschätzen würden.

Für einen wie mich, der in der katholischen Kirche arbeitet und überzeugt ist, dass gelebter Glaube an das Evangelium dem Leben Sinn und Geschmack gibt und einen Beitrag zu einer gerechteren und friedlicheren Welt leistet, sind das keine guten Nachrichten.

Wie gehe ich damit um?

Behauptungen auf ihren Wirklichkeitsgehalt prüfen

Es stimmt: Jedes Jahr treten einige Tausend Menschen aus den Kirchen aus. Sie gelten dann für die Einwohner- und Steuerregister und für die Statistik als «konfessionslos». Und es stimmt auch, dass der Anteil der Konfessionslosen sehr stark und sehr schnell zugenommen hat und weiter zunimmt. In 15 Jahren hat er sich mehr als verdoppelt und beträgt jetzt 24%.

Trotzdem bildet die Behauptung, die Menschen kehrten den Kirchen in Scharen den Rücken, nur ein Teil der Wirklichkeit ab. Noch nie bezeichneten sich in der Schweiz so viele Menschen als katholisch – 2015 waren es gemäss Bundesamt für Statistik über 2.5 Millionen Personen über 15 Jahren, 400’000 mehr als 1970, knapp 1 Million mehr als 1910. Gemeinsam hatten die beiden grossen Kirchen 2015 rund 4,3 Millionen Mitglieder über 15 Jahre, das sind mehr als 60% der Bevölkerung, mehr als alle Fussballfans, mehr als das grösste Wählersegment und mehr als das Zehnfache der Gesamtzahl aller Mitglieder der Bundesratsparteien, die zusammen etwa 350’000 Mitglieder haben dürften.

Der Begriff «Exodus», der an Massenauswanderungen wie etwa nach dem Fall der Berliner Mauer erinnert, ist angesichts dieser Fakten fragwürdig.

Es trifft auch zu, dass es in der katholischen Kirche Spannungen und Konflikte gibt. Vergleicht man sie mit einer Familie, darf nicht der Eindruck entstehen, es seien «alle ein Herz und eine Seele». Aber in welcher Familie ist das schon so?

Und: Haben die Konflikte, die sich derzeit vor allem an der Nachfolgeregelung für den Bischof von Chur festmachen, flächendeckend ein so krankhaftes und krankmachendes Ausmass erreicht, dass man gleich die ganze Schweizer Kirche als «dysfunktionale Familie» pathologisieren darf? Sind es nicht eher bestimmte Strukturen und Konstellationen, die das «gute Funktionieren» beeinträchtigen, ungesund sind und bei denen demzufolge anzusetzen wäre?

Jubla-Lager. Foto: P. Knup

Wie die «Exodus»-Meldung bildet auch die Diagnose des vatikanischen Diplomaten nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Ich nehme neben destruktiver Verstrickung in Konflikte auch viel gelebte Solidarität, gelingendes Miteinander, toleranten Umgang mit innerkirchlicher Vielfalt und fruchtbares Ringen um schwierige Fragen in einer guten Konfliktkultur wahr – in den Pfarreien und Kirchgemeinden, in Jugendverbänden und Hilfswerken, in Bistumsleitungen und kantonalkirchlichen Gremien.

Zur demokratischen Tradition in der Schweiz gehört auch eine Streitkultur, die nicht schon deshalb krankhaft ist, weil gewisse Kreise in der Kirche Unterordnung und Gehorsam bevorzugen und kritische Fragen nicht schätzen.

Positives und Negatives nicht gegeneinander aufrechnen

Ein zweiter Aspekt meines Umgangs mit kritischen Befunden zur Lage der Kirche besteht im Bemühen, das Positive und das Negative nicht gegeneinander aufzurechnen. Ich kenne – auch von mir selbst – das «Ja, aber». Sagt jemand: «Die katholische Kirche hatte noch nie so viele Mitglieder», ist das Risiko gross, dass sofort relativiert wird: «Ja, aber auch noch nie haben ihr so viele Menschen den Rücken gekehrt.»

Hilfreicher ist das «und»: Ja, die Kirche hat sehr viele Mitglieder, ein hohes Potenzial an Menschen, an Solidarität, an Einverständnis mit christlichen Grundanliegen, an Zahlungsbereitschaft für eine Organisation, von der viele keinen «aktiven Gebrauch» machen, die sie aber dennoch als nützlich und hilfreich erachten, weil sie von einem Geist und von engagierten Menschen getragen ist, denen man Gutes zutraut.

Und gleichzeitig ebenfalls: Ja, viele Menschen gehen auf Distanz, treten aus, haben keinen Bezug mehr, verstehen die kirchliche Sprache nicht, können mit den Moralvorstellungen nichts mehr anfangen, wenden sich angeekelt ab von sexuellem Missbrauch, übertriebenem Luxus und Dauergezänk.

Beides ist wahr – und beides muss ernst genommen werden. Die eine Seite mit Hilfe der anderen herunterzuspielen, führt zu nichts.

Dasselbe gilt in Bezug auf die Konfliktkultur. Die guten Beispiele sollen nicht mit Verweis auf ungelöste und gehässige Streitereien schlecht geredet werden. Und die üblen Auseinandersetzungen dürfen nicht mit Verweis auf die guten verharmlost werden. Es gilt, hinzuschauen und beides «wahr»-zunehmen, also als je eigene Wahrheit zu erkennen.

Lösungsorientiert denken

Mein drittes Bemühen (das leider nicht immer und selten auf Anhieb gelingt) besteht im Streben nach Lösungsorientierung. Die schwierige Lage beklagen, Probleme wälzen, nach Gründen zu suchen und in der Analyse steckenbleiben, hilft nicht. Bei der Entwicklung eines lösungsorientierten Denkens hilft mir die Unterscheidung zwischen dem, was in der eigenen Zuständigkeit steht, und dem, was ausserhalb meiner Reichweite liegt. Dort, wo ich oder das Team, dem ich angehöre, zuständig ist, versuche ich, mich der Realität zu stellen und Einfluss zu nehmen.

Damit rede ich nicht dem Rückzug ins eigene Gärtlein das Wort.

Denn ich bin auch zuständig

  • für die Art, wie ich mit übergeordneten Autoritäten umgehe,
  • für einen wahrhaftigen und gleichzeitig sorgfältigen Umgang mit Konflikten, die mich betreffen,
  • für ein klares Wort, wo ich eine Stimme habe,
  • für Solidaritätsnetze an denen ich mitknüpfe,
  • für das ernsthafte Ringen um eine Sprache, die einladend wirkt und
  • für den Einsatz zu Gunsten einer glaubwürdigen Kirchengestalt, die sich in den Dienst eines gelingenden Lebens in Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden stellt.

 

Daniel Kosch ist Generalsekretär der Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ). Diese ist der Zusammenschluss der kantonalkirchlichen Organisationen  («Landeskirchen»). Sie besteht seit 1971 und ist als Verein organisiert

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