Interkulturelle Gefängnis-Seelsorge: Alltag und Herausforderung

 Im Juni trafen sich Gefängnisseelsorgende aus Österreich, Deutschland (Bayern) und der Schweiz für einen Austausch im Kanton Zürich. Einer von ihnen war Markus Bläsi, Gefängnisseelsorger im grössten Gefängnis des Kanton Zürich, der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. von Markus Bläsi 

Für Gefängnis-Seelsorgende ist es in der Regel der „normale Alltag“, mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten im Kontakt zu sein. Dennoch lohnt es sich, eine Art Standortbestimmung in der eigenen seelsorgerlichen Tätigkeit vorzunehmen, um den Anschluss an gesellschaftspolitische oder glaubensgemeinschaftlich-religiöse Entwicklungen nicht zu verlieren. Ausgehend von einem Überblick über die Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche, wurde immer mehr die persönliche Haltung als Seelsorgende im multikulturellen und multireligiösen Umfeld reflektiert.

Zelle im Gefängnis Pöschwies. Foto: C. Wider

Kurskorrektur durch Erfahrungsaustausch

Ein aus meiner Sicht zentrales Anliegen dieser Tagung war es, einen konstruktiv-kritischen Erfahrungsaustausch anzuregen, um strukturelle wie persönliche Kurskorrekturen in den Blick zu bekommen. Dass dieser Austausch zudem in einem „multikulturellen“ Kontext stattfinden konnte war eine Bereicherung.

Auch wenn angesichts der Komplexität des Themas eine zufriedenstellende oder gar abschliessende Antwort zu diesem Thema nicht zu erwarten war, so wurde in dieser Thematik dennoch ausreichend „gespurt“, um weitere Schritte auf diesem – oft schmalen Pfad der interkulturellen Seelsorge – zu wagen. In einer Grundlegung zum Thema skizzierte Eva Baumann-Neuhaus vom „Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut“ (SPI St. Gallen) die Auswirkungen der demographischen Entwicklungen und der Migration auf die aktuelle gesellschaftliche Wirklichkeit in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland.

Gefängnisseelsorgende im Austausch. Foto: zvg

 

Interessant waren die abschliessenden Statements und Fragen der Referentin, die zu einer klaren Stellungnahme bezüglich weltweiter, gesellschaftlicher Entwicklungen herausforderten, die von manchen als unumkehrbar erachtet werden.

So formulierte sie u.a. folgende Impulse für die interkulturelle Seelsorge:

  • Wanderungsbewegungen sind in hohem Masse von wirtschaftlichen Interessen motiviert und gesteuert. Vor diesem Hintergrund wird auch die Integration zu einem utilitaristischen Programm.
  • Religion wird oft gerade für Menschen in biographischen Bruch- und Krisensituationen relevant. Die Situation birgt Chancen und Gefahren…
  • Die Seelsorge muss angesichts der kulturellen und religiösen Diversität in den Gefängnissen nicht nur ihr Personal, sondern auch ihre religiöse Praxis und ihre Zweckbestimmung interreligiös neu definieren.

Einen ähnlich grundsätzlichen Zugang wählte Dirk Baier, der den Fokus auf die „Soziokulturelle Auswirkungen von Migration auf Jugendliche“ legte. Mit viel statistischem Material und Zahlen widersprach er vor allem der medial vermittelten Wahrnehmung, dass die Zahl der Delikte, insbesondere der von Ausländern begangenen, ständig steigt. Das Gegenteil ist der Fall, und der von ihm geäusserte Unmut, die Politik treffe Entscheidungen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen und Empfehlungen widersprechen, trifft einen zentralen Nerv von möglichen (oder eben verunmöglichten) Veränderungsprozessen in einer Gesellschaft.

Der Vortrag von Simon Hofstetter (Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund) trug den Titel „Integrative Aspekte diakonisch-seelsorgerlicher Arbeit in Zeiten soziokultureller Veränderung“. U.a. stellte er darin zwei Modelle gegenüber, die nicht nur auf der gesellschaftspolitischen Ebene von Bedeutung sind: Das eine „Kreismodell“ beschreibt den Versuch der Vereinnahmung und Anpassung alles Neuen in einem vorgegebenen System bzw. Staat und Gesellschaft.

Das zweite „Kreismodell“ zielt darauf ab, dass alles Neue in einem bestehenden System wohlwollend aufgenommen und durch Beibehaltung der eigenen Identität eine Vielfalt erzeugt, die in ihrer Gesamtheit wiederum etwas Neues entstehen lässt. Dass diese Modelle auch Abbild einer persönlichen Haltung sein können, ist für die interkulturelle Seelsorge keine Nebensächlichkeit. Wie weit diese Offenheit gehen kann unter Wahrung der eigenen, nicht zuletzt spirituell-religiösen Identität, bleibt ein immerwährender Prozess der (Selbst-)Vergewisserung.

Seelsorger Markus Giger konkretisierte diese Aspekte diakonischen Handels am Beispiel der Streetchurch in Zürich, deren Mitarbeiterteam sich immer wieder um die Vertiefung ihrer spirituellen Wurzeln bemühen. Kurz gesagt geht es in diesem Zusammenhang um die Haltung einer nie endenden Versöhnungsbereitschaft im Blick auf ihre „Klienten“, sprich junge Erwachsene, trotz immer wiederkehrender Rückschläge und Enttäuschungen.

Auch das scheint mir eine existentielle Komponente im Hinblick auf interkulturelle Seelsorge.

 

Werte der jeweiligen Religion

Regula Gasser stellte in ihrem Beitrag „Interreligiöse Seelsorge im Vergleich, an deren Schluss sie nachfolgende Impulse für die Seelsorge gab:

  • Nach welchen Massstäben werden Werte gewichtet?
  • Seelsorge arbeitet auf der Basis verinnerlichter Perspektiven der eigenen Glaubenstradition.
  • Kommt es zu einer interkulturellen Begegnung, erfordert dies einen Perspektivenwechsel.
  • Wie geht die christliche Seelsorge mit Toleranzproblemen um?

Darin war Stoff genug für die Reflexion der eigenen Haltung und Seelsorge, die bereichert wurde durch die Statements einzelner Religionsvertreter. Wie sieht Seelsorge im Gefängnis aus der Sicht eines Buddhisten aus? Was sind die Erfahrungen eines Hindupriesters, der in einem multikulturellen Kontext eine „Reformation“ des Hinduismus vorantreibt? Wie positioniert sich der Islam im interkulturellen Kontext, vor allem auch dort, wo die Zusammenarbeit intensiver und das einander „Aus-dem-Weg-gehen“ kaum mehr möglich ist? Wie leben koptische Christen ihren Glauben und ihre Gemeinschaft? Und was ist für die orthodoxen Christen bezüglich ihrer Glaubenspraxis wichtig zu leben?

Diese Abbildung zeigte Imam Sakib Halilovic zum Abschluss seines Vortrages zur muslimischen Seelsorge: wichtige Verben, die etwas über die je eigene Religion und auch den interkulturellen Kontext aussagen.

Vielleicht bräuchte es für die beiden geöffneten Handschalen auf diesem Foto unterschiedliche Hautfarben, aber auch so gilt: Wenn wir Gefängnisseelsorgende diese Wörter immer mehr in der eigenen, inneren, persönlich-spirituellen Haltung verankern, dann bleibt „interkulturelle Seelsorge“ kein seelenloses, theoretisches Konzept, sondern gewinnt in der Begegnung mit Gott, sich selbst und den Menschen, egal welcher kulturellen Herkunft und Prägung, an Tiefe und Klarheit. Eine gute Orientierung für den gemeinsamen, interkulturellen, seelsorgerlichen Weg!

Markus Bläsi

(Gefängnisseelsorger JVA Pöschwies)

Anlässlich der Tagung hielt auch Markus Köferli, bei der Katholischen Kirche im Kanton Zürich zuständig für die Gefängnisseelsorge, eine Ansprache an die Teilnehmenden. 

Thema: „Eine Geschichte von Minderheiten und Mehrheiten“

Ansprache von Markus Köferli, Bereichsleiter Spezialseelsorge

 

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