Gender leicht erklärt

Etliche Bischöfe, inklusive Papst, sehen beim Thema „Gender“ rot. Bischof Vitus Huonder hat bereits seine zweite Streitschrift gegen die „Gender-Ideologie“ angekündigt. Um was geht es überhaupt? Die Ethikerin und Theologin Béatrice Bowald erklärt es.

Hand aufs Herz: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das Wort Gender hören? Ist das für Sie ein rotes Tuch? Oder sehen Sie das als etwas, das zum besseren Verständnis unserer Gesellschaft beiträgt?

„Mann und Frau sind nun mal anders!“ Tatsächlich?

Wenn das zutreffen sollte: Worin besteht die angebliche „Andersartigkeit“ genau, die über die rein biologischen Unterschiede hinausgeht? Und falls es sie denn gibt, wie ist es dazu gekommen? Das ist alles andere als eine Gedankenspielerei, sondern hat weitreichende Konsequenzen. Wie gesagt geht es mir hier nicht um die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau, sondern um angebliche oder tatsächliche „typische“ Eigenschaften und Fähigkeiten, die daraus abgeleitet werden.

Nehmen wir als Beispiel die PISA-Tests, durch die länderübergreifend der Bildungsstand der Kinder und Jugendlichen untersucht wird. Mit dem Resultat: Die Buben besser in Mathe, die Mädchen besser in den Sprachen. Ist doch klar! Oder doch nicht? Zeigen sich hier wirklich typische Geschlechtsunterschiede? Wer bei den PISA-Resultaten genauer hinschaut, wird eines besseren belehrt. Denn in manchen Ländern zeigen sich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in Mathe, und in anderen schneiden die Mädchen sogar besser ab. Wenn die Buben hierzulande also wie erwartet besser sind in Mathe, hat das nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern damit, ob die mathematischen Fähigkeiten den Buben und Mädchen unterschiedlich zugetraut werden. Die Testresultate widerspiegeln folglich keine naturgegebenen Geschlechtsunterschiede, sondern die vorherrschenden Erwartungen: Je mehr man in einer Gesellschaft den Buben die mathematischen Fähigkeiten zutraut, desto besser schnitten diese beim Test ab.

In einer anderen Studie trainierten Mädchen mit spezialisierten Computerspielen das räumliche Denkvermögen. Und siehe da: Nach drei Monaten liessen sich im Gehirn an den damit zusammenhängenden Stellen Veränderungen beobachten.

Das legt den Schluss nahe, dass es weniger eine Frage des Geschlechts ist als der Trainingsmöglichkeiten und der gesellschaftlichen Erwartungen, die solche Trainingsmöglichkeiten fördern.

Unveränderliche Natur?

Allfällig festgestellte Geschlechtsunterschiede widerspiegeln eine Momentaufnahme. Diese ist in Studien möglicherweise sogar einer Aufgabenstellung geschuldet, bei der sich Forscherinnen und Forscher keine Gedanken über eine mögliche geschlechtsspezifische Wirkung der Aufgabenstellung gemacht haben. Wo dies ausgeschlossen werden kann und „tatsächliche“ geschlechtsspezifische Unterschiede feststellbar sind, sagt das noch nichts darüber aus, woher diese stammen. Was gerne als unveränderliche Natur interpretiert wird, hat sich nämlich, wie die genannten Beispiele gezeigt haben, mehr als Ergebnis gesellschaftlicher Erwartungen in Bezug auf die Geschlechter entpuppt. Mädchen können also nicht „von Natur aus“ schlechter rechnen, sondern weil sie es weniger trainieren oder weil man ihnen diesbezüglich geringere Fähigkeiten zutraut. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind keine Vorgabe der Natur oder von Gott, sondern gesellschaftlich gewachsen. Und damit grundsätzlich veränderbar.

Welches Verständnis von Mann und Frau?

Sie fragen sich vielleicht: Spielt die Natur denn gar keine Rolle mehr? Selbstverständlich spielt die Natur eine Rolle, nur lässt sie sich nicht so genau bestimmen, wie das manche gerne hätten. Weder das biologische (sex) noch das soziale Geschlecht (gender) lassen sich in Reinform bestimmen. Was wir als Frau oder Mann wahrnehmen, entsteht aus einer Wechselwirkung von physischen, psychischen und sozialen Faktoren, ist individuell und ein fortlaufender Prozess.

Aufgrund dieser aus der Gender-Forschung gewonnenen Erkenntnis ist aber eines nicht mehr möglich: von „Geschlechterpolarität“ zu sprechen, wie das beispielsweise Bischof Vitus Huonder in seinem Bischofswort von 2013 „Gender – Die tiefe Unwahrheit einer Theorie“ tut. Genau diese Wortwahl ist im Gegensatz zu den viel gescholtenen Gender-Studies unwissenschaftlich und verräterisch, wenn gebetsmühlenartig die Verschiedenheit der Geschlechter beschworen und in diesem Zusammenhang einzig auf die Fähigkeit zur Mutterschaft abgestellt wird. Ein Erbe, das historisch genau lokalisiert werden kann, nämlich bei der Entstehung des Bürgertums.

Comic aus der Broschüre „Let`s talk about Gender“ von Kati Rickenbach.

Von Gott gegeben?

Wie Bischof Vitus Huonder verweisen nicht nur andere Bischöfe, sondern auch viele religiös geprägte Menschen auf die so genannte Schöpfungsordnung. Gott habe den Menschen schliesslich als Mann und Frau geschaffen. Das steht so aber gar nicht in der Bibel. Der Schöpfungsbericht im Buch Genesis (1,26-27) spricht davon, dass Gott den Menschen als Bild Gottes schafft, als männlich und weiblich. Das ist nicht so zu verstehen, dass Gott den Prototyp Mann und den Prototyp Frau schafft, sondern die Menschheit mit den beiden Ausprägungen männlich und weiblich. Begriffe, die sich im Hebräischen von den Begriffen Mann und Frau unterscheiden. Dass eine Gesamtheit – hier die Menschheit – durch die Nennung von zwei Ausprägungen ausgedrückt wird, sei eine „beliebte Stilfigur im biblischen Hebräisch“ (Moni Egger in der FAMA 2/2017 zum Thema Gender). Daher sollten die Vertreter der Kirche Erkenntnisse der Bibelauslegung, die schon lange bestehen, endlich zur Kenntnis nehmen.

Klar waren zu biblischen Zeiten Phänomene wie Transgender nicht im Blick. „Eine Fixierung von Männlichkeit und Weiblichkeit auf genau zwei Formen des Menschseins wird aber unterlassen.“ (Moni Egger) Und das gilt es endlich ernst zu nehmen!

Eine solche Sichtweise lässt auch zu, neue oder erst jetzt richtig wahrgenommene Phänomene als Gottes gute Schöpfung und nicht als Fehler der Natur zu betrachten.

„Zur Freiheit gerufen“ (Gal 5,13)

Weshalb ist eine Gender-Perspektive so wichtig, welche die Vorstellungen von Mann und Frau und die damit verbundene Geschlechterordnung in der Gesellschaft kritisch unter die Lupe nimmt? Dieses kritische Denkinstrument

  • nimmt ernst, dass jeder Mensch einzigartig und unverwechselbar ist, auch in seiner/ihrer Geschlechtlichkeit
  • vermag, die vorhandene Vielfalt unter den Menschen als positiv und gottgewollt zu würdigen
  • verhilft zu mehr Gerechtigkeit, für beide Geschlechter wie für alle Formen von Geschlecht
  • nimmt das jüdisch-christliche Gebot ernst, sich von Gott kein Bild zu machen, was für die auf Erden wandelnden Bilder Gottes, die Menschen, genauso gilt.

Ändert sich dadurch etwas? Ja und nein. Es wird nach wie vor die dominierenden Ausprägungen Mann und Frau geben, die sich auch sexuell zu einander hingezogen fühlen und miteinander Kinder zeugen werden. Also besteht kein Grund zur Panik. Erst recht nicht, wenn sie auf dem Buckel der Frauen ausgetragen wird, die wieder an ihre (angebliche) hauptsächliche Bestimmung, die Mutterschaft, erinnert werden. Wenn unter Christinnen und Christen die paulinische Überzeugung „Da ist nicht … männlich und weiblich…“ (Gal 3,28) gelten soll, eröffnet erst eine solche Perspektive die Möglichkeit, das eigene Leben, einschliesslich der Geschlechtlichkeit, in verantworteter Freiheit zu gestalten.

Dazu müssen aber erst die einengenden Korsette historisch bedingter, weder in der Natur des Menschen verankerter noch von der Schöpfung gegebener Geschlechterbilder überwunden werden. Wenn das nicht eine Frohe Botschaft der Freiheit der Kinder Gottes ist!

Dr. Béatrice Bowald

 

 

 

Die Theologin und Ethikerin Béatrice Bowald ist Mitautorin der Broschüre „Let’s talk about gender!“. Sie ist Co-Leiterin des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft BS/BL und Redaktorin der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA.

Broschüre „Let`s talk about gender“

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