Alternde Babyboomer: Abschied von kirchlichen Werten

Welche Welt hinterlässt die Generation der heutigen Babyboomer den jungen Erwachsenen von heute? Eine Zukunftswerkstatt der Kirchgemeinde Winterthur befasste sich damit. Das Bild der Arche stand am Anfang: Nicht Tiere wurden hier gesammelt sondern Gegenstände und Werte, die heute auf eine Arche mitgenommen werden sollen.  Der Soziologe und Generationenforscher Prof.  François Höpflinger liefert dazu einen Input.

Francois Höpflinger (2. v. l.) auf dem Podium in Winterthur

Wer sind die Babyboomer?

Als ‚Babyboomer‘ werden die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsjahre (der zwischen 1946 und 1965 Geborenen) bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg und in den Aufbaujahren der Nachkriegszeit kam es in den USA und Westeuropa zu einem Anstieg der Geburtenhäufigkeit (Baby-Boom).

Die Nachkriegsperiode war eine Zeit, als sich das bürgerliche Ehemodell – mit dem Ernährer- und Hausfrauenmodell – unangefochten durchzusetzen vermochte. Einerseits war nach den Krisen- und Kriegsjahren der Wunsch nach einem glücklichen Familienleben enorm. Andererseits erleichterte die rasche Wohlstandssteigerung eine frühe Familiengründung, und die Eltern der Babyboomer lebten bürgerliche Ehe- und Familienideale.

 

Kirchen verloren Monopole über religiöse Fragen

Die Babyboomer selber verwarfen in ihrer Jugend und im frühen Erwachsenenalter oft die bürgerlichen Lebens- und Familienideale ihrer Eltern. Sie experimentierten dafür mit neuen Lebensformen wie Singlesein, nichtehelichem Zusammenleben, Wohngemeinschaft; alles Lebensformen, die auch die nachberufliche Lebensphase prägen (etwa wenn vermehrt Altershausgemeinschaften gegründet werden).

Die Babyboom-Generation war die erste Generation, die sich von traditionellen konfessionell-kirchlichen Ausrichtungen verabschiedete. Dies bedeutete allerdings weniger ein Verlust an religiös-spiritueller Orientierung, als dass die Kirchen ihr Monopol über religiöse Fragen verloren.

Obwohl viele älter gewordene Babyboomer den Wert ihrer Erfahrungen für die nachkommenden Generationen betonen, zeigt sich faktisch eher, dass viele Babyboomer die Werte und Innovationen jüngerer Generationen übernehmen. Oder in anderen Worten:

Die Babyboom-Generation ist die erste Generation, die gelernt hat, dass es wichtig ist, lebenslang innovativ und kreativ zu bleiben (was am besten durch Lernen von Jüngeren möglich wird).

Auflösung des Wertesystems

Die Babyboomer Westeuropas wuchsen in einer einmaligen Friedens- und Wohlstandsperiode auf. Da die vom Zweiten Weltkrieg unversehrt gebliebene Schweiz vom Neuaufbau Westeuropas stark zu profitieren vermochte, gehören die Schweizer Nachkriegsgenerationen zu den ‚glücklichen Generationen’, die während ihrer Kindheit und Jugend einen raschen Wohlstandsgewinn erleben durften. In ihrer Jugend wurden sie von einer globalisierten Jugend- und Musikkultur (Rock’n Roll u.a.) beeinflusst und zumindest ein Teil der Baby-Boom-Generation war in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren aktiv an der Jugend- und Studentenrebellion beteiligt; ein Ereignis, das viele Babyboomers bis heute nostalgisch berührt.

Im jungen Erwachsenenalter wurden sie mit einer raschen Auflösung traditioneller auch von den Kirchen propagierten Werthaltungen konfrontiert, etwa bezüglich vorehelicher Sexualität und vorehelichem Zusammenleben. Entsprechend haben sie häufiger alternative Lebensformen, aber mehr Scheidungen, erfahren als ihre Elterngeneration. Umgekehrt ist die Tatsache, dass die geburtenstarke Babyboom-Generation selber weniger Kinder zur Welt brachte, ein wichtiger Auslöser der aktuellen demographischen Alterung.

Erste Generation emanzipierter und gebildeter Frauen

Während ihrer Jugend und ihrem jungen Erwachsenenalter wandelten sich auch die Vorstellungen zur Rolle der Frau in Familie, Beruf und Politik rasch (selbst wenn etwa eine 1946 geborene Frau in der Schweiz erst mit 25 Jahren das Stimmrecht erhielt). Ursprünglich stark männlich orientiert, führte die Jugendrevolte der späten 1960er Jahre bald zu einer markanten Frauenbewegung. Die Frauen der Babyboom-Generation gehören zu den ersten Generationen emanzipierter und selbstbewusster älterer Frauen (vgl. www.grossmuetter.ch).

Die Homepage Grossmuetterrevolution

Die Nachkriegsgenerationen konnten zu Beginn ihrer Berufskarriere nicht nur von einem enormen Wirtschaftswachstum profitieren, sondern dank Bildungsexpansion war es ihnen oft möglich, gut bezahlte berufliche Positionen zu erringen. Da gute Beschäftigungschancen und höhere Löhne mit höheren Rentenansprüchen verbunden sind, profitieren viele Angehörige der Nachkriegsgenerationen im Alter von einer sehr guten wirtschaftlichen Absicherung (teilweise allerdings auf Kosten nachkommender Generationen).

Ruhestand im Unruhestand

Mit dem Älterwerden der ersten Nachkriegsgenerationen treten in der nachberuflichen Lebensphase aktivere Verhaltensformen auf. Der ‚Ruhestand’ entwickelt sich häufiger zum ‚Unruhestand’. Jüngere Rentnergenerationen sind stärker als frühere Generationen daran gewohnt, in einer mobilen und ständig sich ändernden globalen Gesellschaft zu leben, wodurch sie oft auch im späteren Lebensalter innovativ und lernbereit verbleiben.

Umgekehrt ist es die erste Generation, die erfahren muss, dass Altern nicht ein passiv zu erleidender Prozess ist, sondern dass ein ‚erfolgreiches Altern’ aktiv gestaltet werden muss.

Die Babyboom-Generation – in ihrer Jugend Trägerin einer Jugendrevolution – entwickelt sich im Alter zur Botschafterin einer stillen Revolution eines aktiven dritten Lebensalters. Offen bleibt bei vielen Vertretern dieser Generation allerdings die Frage, wie sie nach einem langen aktiven Erwachsenenalter fähig und willens sein werden, mit den unvermeidbaren Grenzen körperlichen Lebens im hohen Alter umzugehen. Die Baby-Boom-Generation hat gelernt, lange ‚jugendlich’ zu bleiben, aber sie muss das hohe Alter erst noch entdecken.

François Höpflinger ist Soziologe und forscht unter anderem zum Thema Hochaltrigkeit. Mehr Informationen gibt es auf seiner Homepage.

 

 

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