«Silence» – Scorseses Werk über Jesuiten in Japan

Insider wussten es. Martin Scorsese, einer der renommiertesten zeitgenössischen Film-Regisseure, wollte seit Jahrzehnten die Geschichte von Jesuiten-Missionaren, die um 1640 in Japan mit vielen anderen Christinnen und Christen das Martyrium erlitten, unter dem Titel «Silence» verfilmen. Kurz nachdem der Italo-Amerikaner 1988 seinen umstrittenen Streifen «Die letzte Versuchung Christi» fertiggestellt hatte, schenkte ihm Paul Moore, der damalige Erzbischof der Episkopalkirche in New York, den Roman «Silence». Verfasst hatte diesen im Jahre 1966 der katholische japanische Autor Shūsaku Endō unter dem Titel «Chinmoku». Das Buch gilt als einer der wichtigsten asiatischen Romane des 20. Jahrhunderts und thematisiert sowohl wesentliche Motive der christlichen Passion als auch des buddhistischen Leerwerdens.

Doch wie würde Scorsese, der berühmt ist für seine ausgefallene Kameraführung, seine hypnotischen Soundtracks und seine beklemmende Darstellung der Gewalt, diesen religiösen Stoff in bewegte Bilder verwandeln? Für welche Dramaturgie, für welche Montage würde sich der asthmatische, «vielleicht letzte grosse Radikale des amerikanischen Kinos» (FRAME, NZZ) entscheiden?

Eine radikal religiöse Geschichte

Nun kommt das Resultat in die Kinos und überrascht. Nur selten fällt einen die Gewalt so eindringlich an wie in Scorseses früheren Filmen. Auf der Tonspur geschieht kaum etwas, und erzählt wird sehr langsam und diszipliniert. Über 160 Minuten entfaltet sich eine radikal religiöse Geschichte, welche jene Menschen irritieren dürfte, welche bei Scorsese die nervösen oder paranoiden Charaktere oder die fulminanten Bilderexzesse lieben.

Der Regisseur kommt auf Glaubensfragen zurück, die ihn offenbar seit langem beschäftigen. Ähnlich wie bedeutende Maler wie Caravaggio oder da Vinci im Laufe ihres Lebens auch biblische Szenen malten, scheint sich Scorsese im Alter nun konzentriert und kompromisslos einer Realität zu widmen, die immer Teil von ihm war.

Grausames Dilemma

Die beiden portugiesischen Jesuiten Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver) vernehmen, dass ihr verehrter Lehrer Christovão Ferreira (Liam Neeson) in Japan gefoltert wurde und dem christlichen Glauben abgeschworen habe. Sie wollen dies nicht glauben und reisen über Macao selbst nach Japan. Dort stossen sie auf verfolgte Christen, welche ihren Glauben im Untergrund leben. Eine Weile dienen sie ihnen als Priester und erleben, wie brutal diese gequält und getötet werden. Dann trennen sie sich, um Ferreira auf unterschiedlichen Wegen zu finden. Bald danach wird Rodrigues von seinem japanischen Führer Kichijiro (Yosuke Kubozuka) verraten und gefangen genommen.

Als Garpe tot ist, stellt der japanische Inquisitor (Issey Ogata, NZZ: «grauenhaft gut»,) Rodrigues  vor ein Dilemma: Entweder er schwört dem Glauben ab, oder etliche mitgefangene Christen werden langsam durch eine besonders furchtbare Methode zu Tode gefoltert. Auch Ferreira, der mittlerweile tatsächlich Buddhist geworden und verheiratet ist, kommt auf ihn zu und redet auf ihn ein, sich vom Christentum loszusagen. Rodrigues bricht zusammen.

All seine Überzeugungen, in deren Namen er nach Japan aufgebrochen war, lösen sich auf. Gleichzeitig quält es ihn, dass er Gottes Stimme in all diesem Leid, dem seine Mitgefangenen und er ausgesetzt sind, nie vernimmt. Wenn er Christus verrät, wird nichts mehr von ihm da sein, worauf er einmal stolz war.

Scorsese und existenzielle Grenzsituationen

Scorsese beschäftigt sich häufig mit Männern in existenziellen Grenz-Situationen. Sein Taxi Driver Travis Bickle nennt sich «Gottes einsamster Mann». Sein Boxer Jake LaMotta in Raging Bull und sein Jesus in The Last Temptation of Christ scheitern vollkommen. Pater Rodrigues, die Hauptfigur in «Silence, verkörpert ebenfalls einen Menschen, der gezwungen wird, alles loszulassen, was einmal seine Identität ausgemacht hat.

Seelisch nackt geworden, gerät er in extremste Gottesverlassenheit, und genau dann offenbart sich ihm Gott.

 

Verrat als herausragendes Motiv

Nicht weniger herausragend in Scorseses Gesamtwerk ist das Motiv des Verrats unter Männern. In der Figur des Jesuiten Rodrigues kulminieren viele Gangster, Mafiosi und Geschäftsleute aus früheren Filmen Scorseses, die einander ans Messer geliefert haben.

Rodrigues wollte nie etwas anderes tun, als Jesus Christus zu folgen und dessen Weg fortzusetzen. Doch nun begeht er den schlimmsten Verrat, den er sich vorstellen kann: denjenigen an seinem Vorbild, Meister und Schöpfer.

„Silence“ stellt laute Fragen

Scorsese hat den Film nach eigenen Angaben gemacht, weil ihn seit seiner Kindheit die Frage umtreibt: «Wie überwindet man sein Ego, all seinen Stolz, und schafft es, sich nur um die Gemeinde zu kümmern?» Doch «Silence» stellt noch viel mehr Fragen:

  • Was ist wichtiger, Gott zu verraten, um fremde Leben zu retten, oder dem eigenen Glauben treu zu bleiben?
  • Warum verhält sich Gott in all dem Leid so still?
  • Wie reagieren heutige Japaner darauf, dass einige ihrer Vorfahren in «Silence» so gnadenlos und brutal dargestellt werden?
  • Welchen Sinn hatte es damals und hat es heute, Fremde zu missionieren?
  • Und was bedeutet es heute, eine Haltung einzunehmen und – in Zeiten von alternativen Fakten und dem Triumph von Vulgarität einerseits und den Schreckensvideos des IS und dessen Tugendterror anderseits – treu zu ihr zu stehen?

„Silence“ auf dem Weg zum wichtigsten Film des Jahres

Es gab schon früher Phasen, da standen Werke von Scorsese im Ruf, «Kassengifte» zu sein. Gut möglich, dass auch «Silence» finanziell nicht einträglich sein wird. Doch in den Ländern, in denen der Film schon angelaufen ist, gilt er bereits jetzt inhaltlich und formal als einer der wichtigsten Filme des Jahres. «Silence» dürfte, gerade weil er sich introvertiert und langsam, und von zahlreichen Varianten menschlichen Leidens geprägt, vorantastet, eine beträchtliche Langzeitwirkung entfalten.

Auf alle Fälle vermitteln die ebenso stillen wie aufwühlenden Bilder eine Ahnung davon, weswegen Filme wirkliche Kunstwerke sein können und weswegen für Martin Scorsese das Kino wie die Kathedrale ein Ort zum Atmen, ein Ort der Offenbarung, ja der Begegnung mit dem ganz Anderen ist.

Und sicher ist «Silence» das mutige und persönliche Zeugnis eines Künstlers, der im Alter der Welt ein inhaltlich anspruchsvolles und handwerklich meist bestechendes religiöses Kunstwerk schenkt, über das zu diskutieren sich lohnt.

Fotos / © Ascot Elite Entertainment Group

Der Film «Silence» wird am Sonntag, 26. Februar, um 10 Uhr im Zürcher Kino RiffRaff als Vorpremiere gezeigt. Anschliessend  findet unter der Leitung von Pater Franz-Xaver Hiestand SJ eine Diskussion statt. Weiterführende Informationen über den Jesuitenorden und die japanischen Jesuitenmissionare finden sich hier.

Franz-Xaver Hiestand SJ ist Leiter des Katholischen Akademikerhauses Zürich (aki). Die katholische Hochschulgemeinde am Hirschengraben 86 in Zürich steht im Dienste aller Studierenden und Dozierenden der ETH, der Universität und der Fachhochschulen in Zürich und wird von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich finanziell unterstützt und vom Jesuitenorden getragen.

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