10 Jahre und kein bisschen leise

Wer sich auf interreligiösen Dialog einlässt, kann nur davon profitieren. Die Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden ist immer anregend. Gesagt, getan: So besuchte die Theologin Rahel Walker-Fröhlich in Zürich den Hare-Krishna-Tempel. Grund dazu war das 10-jährige Jubiläum der Woche der Religionen in der Schweiz. Hier erzählt sie von ihren Eindrücken und Gedanken.

Hare-Krishna-Tempel in Zürichberg-Villa

Haben Sie gewusst, dass in Zürich bereits seit 50 Jahren ein Hare-Krishna-Tempel besteht? Damals reiste ein mittelloser Mönch aus Indien nach Amerika, um dort die internationale Bewegung für Krishna-Bewusstsein zu gründen. Im Laufe der Zeit kam diese Bewegung nach Zürich, wo sie am Fusse des Zürich-Bergs in eine Villa einziehen konnte und diese zu einem Tempel umfunktionierte. In Zürich gibt es 300-400 Vollzeitmitglieder.

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Der Touch des Exotischen

Für mich hat die Hare-Krishna Bewegung den Touch des Exotischen. Wahrgenommen habe ich ihre Mitglieder etwa im Sommer am See: in farbigen Gewändern herumwandelnd und Reisküchlein verteilend. Ich frage mich, ob es mir bisher gelungen ist, sie ernstzunehmen.

Der Anlass im Krishna-Tempel bietet die Gelegenheit, dies zu beantworten. Der Tempel ist geräumig. Zum Anlass haben sich ein gutes Dutzend Anhängerinnen und Anhänger und etwa ebenso viele Besuchende eingefunden.

Von der Hippie-Bewegung zu 100 Tempeln

Der „Mönch“ in seinem orangenen Gewand erklärt uns die Ursprünge der Bewegung, die theologischen Grundlagen und die Ausbreitung der Bewegung.

Srila Prabhupada, der Gründer aus Indien, war vor 50 Jahren fast genauso bekannt wie heute der Dalai Lama. Er war Verfasser, Kommentator und Übersetzer bekannter heiliger Schriften des Hinduismus (Veden) sowie Gründer der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein. Prabhupada reiste durch die Welt und verkündete seine Ideen, er wurde von Staatsoberhäuptern empfangen und gründete Tempel. Seine ersten Anhänger in Amerika rekrutierte das geistliche Oberhaupt vor allem unter den Jugendlichen der Hippie-Bewegung. Seine Bewegung wuchs und erreichte in nur einem Jahrzehnt eine Ausbreitung mit gegen 100 Tempeln. Vor seinem Tod setzte Prabhupada ein demokratisches Gremium ein, das seine Bewegung nach seinem Tode nun weiterführt.

Feiern in Deutsch und Tamilisch

Im Tempel am Zürich-Berg gibt es am Sonntag zwei Feiern: eine auf Deutsch und eine auf Tamilisch, weil viele Inder der Krishna-Bewegung angehören. Auch am heutigen Begegnungsabend wird eine Tempelzeremonie durchgeführt. Ich empfinde sie als laut und emotional, mit viel Gesang und Kerzen, Hände, die in die Höhe gehen und geschwenkt werden. Mich hat die Form des Gebets an evangelikale Gottesdienste in Freikirchen erinnert.

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Ehemaliger Katholik als Krishna-Mönch

Ich frage den Mönch, was diese Liturgie bewirken soll: Gibt es den Anspruch, dass der Mensch sich durch diese Liturgie verändert? Diese Frage bejaht er. Der Krishna-Anhänger möchte durch diese Zeremonie näher zu Gott kommen. Überhaupt spielt Gott in den Worten des Mönchs, einem ehemaligen Katholiken, eine grosse Rolle im Leben der Krishna-Anhänger.

Das Ziel ist, mit Gott in Verbindung zu stehen und kein Leid zu verursachen. Darum sind die Krishnas auch Vegetarier. Sie versuchen, ihr Leben umzustellen. Dabei hilft die Gemeinschaft.

Viele von ihnen leben für eine bestimmte Zeit im Tempel, eine lebenslange Bindung an einen Tempel wie bei einem christlichen Kloster gibt es jedoch nicht.

Vegetarier haben es heute leicher

Es gibt auch sogenannte „Farmgemeinschaften“. Eine junge Frau erzählt, dass sie während dem Studium im Tempel gewohnt hat, diesen nach Studienabschluss jedoch verliess und eine Familie gegründet hat. „Ich und meine Familie versuchen, so gut wie möglich, unseren Alltag in der Krishna-Religion zu leben. Es ist eher einfacher geworden, vor allem bezüglich der vegetarischen Ernährung.“ Die vegane Bewegung hat mittlerweile die Krishnas sogar überholt. Als Vegetarierin fällt niemand mehr auf.

Suche nach alternativem Leben

Bei meinem Besuch im Krishna-Tempel fallen mir einige ganz junge Menschen auf. Sie befinden sich in einer Art „Noviziat“, einer Probezeit.

Sie sind auf der Suche nach einem alternativen Leben. Es scheint, dass die Grosskirchen ihnen dies nicht bieten können. Diese Beobachtung wirft die ernsthafte Frage auf, ob unsere Kirchen jungen Menschen tatsächlich keine andere Lebensweise mehr vorleben können.

Mich stimmt das nachdenklich. In diesem Sinne habe ich auch Respekt vor der Krishna-Bewegung. Vor allem der ernsthafte Versuch, das Leben wirklich und bewusst umzustellen, beeindruckt mich.

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Wie wird das Wort zur Tat?

Wo steht die Krishna-Bewegung innerhalb der Gesellschaft? Gibt es den Versuch, die Gesellschaft auch mitzugestalten? Ich habe den Eindruck, die Krishna-Bewegung positioniert sich zu stark am Rand der Gesellschaft.

Als alternative Lebensweise bietet sie zwar eine Vision, aber es fehlt die Rückbindung an die Gesellschaft.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Auch das Christentum ist zeitweise dieser Gefahr erlegen. Jesus zog sich in die Wüste zurück, um sich den verschiedenen Geistern zu stellen. Verändert kehrte er zurück und ging wieder auf die Welt zu.

Und wo bleibt interreligiöses ethisches Engagement?

Diese Gedanken gehen mir noch durch den Kopf, als ich den Krishna-Tempel verlasse. Die Gastfreundschaft war angenehm.

Solche Besuche, die durch das Forum der Religionen organisiert werden, scheinen mir sinnvoll, denn sie werfen Fragen für die eigene Religion auf.  Noch mehr würden mich gemeinsame Taten freuen, zum Beispiel ein interreligiöses ethisches Engagement.

Immerhin, das Geld des Forums der Religionen wurde auf meinen Vorschlag hin bei der Alternativen Bank angelegt, einer Bank, die hohe ethische Kriterien bei der Kreditvergabe vorgibt. Das Wort möchte konkrete Tat werden.

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Rahel Walker Fröhlich ist Theologin in der Pfarrei Bruder Klaus. Ursprünglich Slawistin, studierte sie Theologie. Sie vertritt den Generalvikar im Zürcher Forum der Religionen

 

Hinweis: Radio SRF hat den Hare-Krishna-Tempel besucht und sich in einer anderen Sendung gefragt, wo die Krishna-Anhänger geblieben sind. Hier die Links zu den beiden hörenswerten Sendungen

SRF Treffpunkt (Samstag, 15. August 2009): Gebetsort, Treffpunkt, Kloster – ein Besuch im Zürcher Hare Krishna-Tempel

SRF 2 Kultur: Perspektiven (Donnerstag, 23. Juli 2015): Krishna-Anhänger, wo stecken sie eigentlich?

 

 

 

 

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